Freitag, 11. Dezember 2015

Mein Vater ein Werwolf - Die Spiegelreportage von Cordt Schnibben

Mein Vater ein Werwolf. Oder: Aufarbeitung der Familiengeschichte eines Journalisten der Nachkriegsgeneration.

Zum Ende des zweiten Weltkrieges wurden die Guerilla-Truppen unter dem Namen Werwolf in Deutschland aufgerufen Widerstand zu leisten. Diese Erfindung sollte den Amerikanern vor allem vorgaukeln, dass sie sich auf lange und anstrengende Gefechte nach dem Krieg einstellen müssen. Während die Schlacht teilweise verloren war begann in der Bevölkerung ein Widerstand gegen die Ideale des Nationalsozialismus zu erstarken. Um diese Menschen zu brechen wurden Exempel statuiert. Menschen wurden festgenommen oder ermordet. Cordt Schnibben ist Journalist. Er schreibt vor allem für den Spiegel. Nach dem Tod seines Vaters begann für ihn die Aufarbeitung. Er fand heraus, dass seine Eltern nicht nur treue Nationalsozialisten waren, sondern sein Vater auch in einen Mord verwickelt war. Er hat sich durch die Fallakten gekämpft, persönliche Briefe seiner Eltern aufgearbeitet und all dies in einer multimedialen Reportage zusammengetragen.

In dem Dorf Dötlingen ermordeten einige Soldaten einen Bauern, der relativ offen gegen das bestehende Regime protestierte. Diesen Mord vertuschten sie als Handlung der Werwölfe.
Die Reportage beginnt mit einem Scroll-Intro das die ersten groben Daten zum Fall liefert. Ein Teaser, wenn man so will. Im Hintergrund laufen Tonaufnahmen aus dem Radio der Zeit. Durch das Scrollen bewegt man sich weiter durch die gesamte Geschichte um den Fall. Parallel wird das Geschehen aus der Vergangenheit weitererzählt und zeitgleich verfolgen wir den Reporter bei seiner Aufklärungsarbeit. Zunächst scrollen wir uns durch einen Zeichentrick. Im Erzählstrang des Zeichentricks geht es um die Geschichte des Mordes an dem Bauern und die vorige Konspiration. Unterlegt ist die Geschichte mit Musik (ein ziemlich anstrengender Loop, der grob geschnitten immer wieder von vorne beginnt). Jedes Kapitel im Zeichentrick endet mit einem „Bucheintrag“. Hier wird die Arbeit von Cordt Schnibbes Aufarbeitung des Falles dargestellt, so wie historische Fakten mit eingebettet. Per Hyperlink werden fachliche Begriffe erläutert. Fotos des Falles und allgemein der Zeit illustrieren die historischen Fakten. Um den Leser zu unterstützen gibt es außerdem eine Timeline, in der auf der einen Seite der Fall von der Tat bis zu den Prozessen aufgelistet ist, auf der anderen Seite sind hier die historischen Vermerke zu den Geschehnissen in Deutschland allgemein. Auch Bilder der originalen Fallakten werden immer wieder genutzt, um Zitate zu untermauern.
Ein Highlight bilden auch kurze Videos der Reise von Cordt Schnibbe. In diesen zeigt er Interviews und seine persönlichen Gedanken – er lässt uns sogar an seinem emotionalen Aufarbeiten teilhaben. Ein Akustisches Highlight bildet der Briefwechsel seiner Mutter mit dem Vater, während jener in Gefangenschaft war. Hier werden die Briefe professionell eingesprochen im Wechsel vorgetragen.

Jedes Medium würde für sich existieren können, daher handelt es sich eigentlich um eine transmediale Erzählweise in Form eines One-Pagers. Allerdings holt die Geschichte den Leser nicht aktiv mit in die Geschichte, was für eine crossmediale Aufarbeitung spricht. Man muss nicht interagieren – vom Scrollen an der Maus abgesehen. Eine schön aufgearbeitete Geschichte, die anregt selber die Familiengeschichte aufzuarbeiten. Ein Thema, dass eine ganze Nachkriegsgeneration geprägt hat. Leider ist an einigen Stellen der Ton schlecht verarbeitet und die Videos oder Bilder lassen sich nicht mehr schließen ohne die Seite neu zu laden.
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